„So uhm.. I have this rash…“ – Wie es sich anfühlt, Medizinstudent zu sein

Medizinstudenten in einer Vorlesung an der Universität

Diagnosen

„So uhm.. I have this rash…“ ist ein Running Gag in der Mediziner-Community. Es beschreibt das Phänomen, dass, sobald man eine Vorlesung Medizin besucht hat, man von der Gesellschaft sofort als medizinische Autorität aufgefasst wird.

Oder eher: Leute erfahren, dass man Medizin studiert, und man wird zur kostenlosen medizinischen Hotline. Überraschend schnell und häufig kommt es zu Anfragen wie denen unten.

WhatsApp-Nachricht mit medizinischer Frage an einen Medizinstudenten

Da kommt es schon zu Überforderung. Ich hatte Fragen zu:

  • Kniegelenkabnutzungen
  • OP-Narkosen
  • Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten
  • Geschlechtskrankheiten
  • Blutdruck-Entgleisungen

Meine Freunde und ich haben uns auf die passende Antwort zu solchen Fragen geeinigt:

„Geh zum Arzt!“

The Curse Of Knowing

In einem Forum wurde mir einmal der „Fluch des Wissens“ beschrieben. Das ist leider einer der traurigen Teile von dem, was man lernt.

Auf einmal weiß man, wie viele Leute Alzheimer kriegen und wie die Symptome sind. Man weiß, dass Gelenkknorpel nicht heilen kann und sich nur noch verschlechtert.

Man liest eine Diagnose und – wie eine Ärztin es zynisch zu mir sagte –: „Der wird Weihnachten nicht mehr erleben“.

Dazu kommt noch eine große Ladung Hypochondrie über den eigenen Körper.


Luftnot? Asthma!

Schwindel? Hirntumor!

Kopfschmerzen? SUPER Hirntumor!

Wenn man den ganzen Tag lernt, sofort von Symptom auf Krankheit zu schließen, fängt man auch irgendwann an, es bei sich selbst zu tun.

Influencer im medizinischen Bereich werden „Medfluencer“ genannt. Dieses Video von einem solchen Medfluencer baut auf diesem Phänomen auf!

Als Mediziner beim Arzt

Gerade mit etwas medizinischem Wissen beim Arzt zu sitzen, ist eine besonders witzige Erfahrung. Ich habe mich dazu entschieden, es zu verheimlichen, wenn es geht. In Göttingen ist die Smalltalk-Frage „Was studierst du denn?“ aber so häufig, dass man es kaum umgehen kann: Der Arzt denkt auf einmal, man versteht alles, was er sagt.
Mein Hausarzt erzählte mir etwas von „Supraventrikulären evozierten Extrasystolen“. Ich verstand so halb, was er sagte, dachte mir aber vor allem: „Was, wenn sie erwarten, dass ich etwas verstehe, und ich tue es nicht?“

Ein weiterer Arzt erklärte mir dann, als wir ein Medikament ausdiskutierten, die Stoffwechselwege der Leber. Als ich verdutzt guckte, kam ein „Ach, das hattest du ja noch gar nicht im Semester?!“ zurück.

Fazit

Ich glaube, mit dem Studium tritt man in eine sehr seltsame Welt ein. Jeder Mensch, inklusive man selbst, hat in irgendeiner Weise was mit Medizin am Hut. Und man bekommt plötzlich nahezu völlige Mündigkeit in diesem Feld. Es verändert nicht nur, wie man auf die Krankheiten anderer sieht, sondern auch, wie man seinen eigenen Körper und sich selbst im größeren System der Medizin sieht. Auch wenn es seine Schattenseiten hat, ist es auch einfach sehr wichtiges Wissen, mit dem man Leuten helfen kann.

Das bringt viel Selbstbestimmung mit sich;

aber nicht unbedingt viel Gelassenheit.

Ein Kommentar

  1. In diesem Kontext empfehle ich sehr den Anfang des großen Klassikers von Jerome K. Jerome: „Drei Mann in einem Boot, ganz zu schweigen vom Hund“, und zwar in der wunderbaren Übersetzung von Trude Fein.

    Das Buch ist aber auch als Ganzes und auch ohne diesen Kontext allen sehr zu empfehlen: der Mensch in seiner ganzen Empfindsamkeit und Niedertracht – zum brüllen komisch, Seite für Seite.

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