Es war einmal ein kleines Organ, ein kleines Organ im Thorax sitzend auf dem Herzen. Es war ein kleiner verstümmelter Fettklumpen. Ungefähr so groß wie eine halbe Hähnchenbrust. Der Thymus. Eines der wenigen Organe, die kulturell fast völlig unbekannt sind. Aber was macht der Thymus?
Man stelle sich vor,
Du bist General in einem Krieg, deine Soldaten sind kampflustig und gut vorbereitet. Der Feind steht auch direkt voraus. Er unterscheidet sich von den eigenen Soldaten durch Flaggen, Farben und… Geruch.
Die Heere brüllen sich an und du hebst dein magisches Kriegszepter: Du bläst zum Angriff. Das Problem: Sobald du das tust, fangen alle Soldaten an, sich gegenseitig abzumetzeln, nicht nur das; einige drehen sich sogar um und greifen eigene Dörfer an. Schnell steht das gesamte Land in Flammen. Wie konnte das passieren?
Was wir gerade durchgespielt haben, war eine sogenannte Autoimmunreaktion. Diese entsteht, wenn Immunzellen den eigenen Körper als fremd erkennen. Alles, was fremd ist, so ist die Regel des Immunsystems, ist potenziell gefährlich und verdient eine Vernichtung durch Säure und toxische Chemikalien.
Aber wie kann der Körper so etwas verhindern? Oder genauer gefragt: Wie weiß der Körper, was eigen und was fremd ist?
Da kommt der Thymus ins Spiel. Es ist ein kleines fettiges Organ, das auf unserem Herzen liegt. Hier passiert die Magie!
Die Generäle unseres Immunsystems sind die sogenannten T-Zellen. Das T in dem Wort kommt nicht von ungefähr – es steht für Thymus. Dies ist nämlich der Reifungsort der T-Zellen. Eine junge, unreife T-Zelle wandert in den Thymus. Dort bekommt sie alle möglichen körpereigenen Strukturen präsentiert! Dabei ist besonders, dass diese Stoffe auch aus völlig verschiedenen Körperteilen stammen: Proteine aus dem Darm, Zucker aus dem Gehirn, Fette aus dem Herzen. Nachdem der Zelle alles gezeigt wurde, was sie NICHT zerstören soll, wird überprüft, ob die Zelle das auch nicht tut.
Wenn die junge T-Zelle auch nur ein körpereigenes Molekül als fremd erkennt, wird sie zerstört – oder eher zum Selbstmord aufgefordert. 98 % der T-Zellen, die den Thymus betreten, verlassen diesen nicht mehr! Philipp Dettmer nannte den Thymus in seinem Buch „Immun“ daher auch passend die „Killeruniversität des Körpers“!
Nur wenn in diesem Prozess etwas gravierend falsch läuft, kommt es zu Autoimmunerkrankungen. Man stellt sich z. B. vor, dass der Thymus kontaminiert ist, oder dass die junge T-Zelle auf dem Weg in den Thymus schon Kontakt mit giftigen Stoffen hatte. Dann kann das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten.
Der Thymus ist besonders für die Entwicklung des Immunsystems wichtig. Erwachsene können jedoch auch nach einer Entfernung des Thymus weiterleben – ein zwangsläufiger Kollaps des Immunsystems innerhalb weniger Tage oder Wochen folgt daraus nicht. Eine Beobachtungsstudie fand allerdings erhöhte längerfristige Gesundheitsrisiken nach einer Thymusentfernung.
Daher lasset uns dankbar sein, dass dieser kleine Fettlappen auf unserem Herzen uns vor uns selbst beschützt, denn das Immunsystem ist die stärkste Waffe, die wir im Kampf um unsere Gesundheit haben!

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